Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin

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Gesicht und Schädel oft betroffen

Eishockey ist ein harter Sport: Je länger das Spiel dauert, um so häufiger kommt es zu Verletzungen

Eishockey gilt als eine der härtesten Sportarten, führt jedoch nicht die verschiedenen Verletzungsstatistiken an. Schnelligkeit, Aggressivität, Eisverhältnisse, Ausrüstung und vieles andere bedingen sportartspezifische Verletzungsmuster. Die hohe Spielgeschwindigkeit und der körperliche Kontakt zum Gegenspieler erfordert vom einzelnen Spieler ein hohes Maß an Reaktions- und Kraftschnelligkeit mit der Fähigkeit, schnell zwischen Stop- und Go-Bewegungen zu wechseln, plötzlich abzubremsen, erneut wieder zu beschleunigen und schnelle Richtungswechsel vorzunehmen.

Nur ein ausreichend trainierter Sportler mit hohen koordinativen Fähigkeiten, der zusätzlich über ein hohes technisches und läuferisches Können, eine ausgefeilte Technik im Umgang mit den Spielgeräten (Schläger und Puck) sowie Konzentrationsvermögen und Verständnis für Spieltaktik, aber auch für Fairness besitzt, wird sein eigenes und das Verletzungsrisiko seines Gegners und Mitspielers minimieren können.

Die Aggressivität im Spiel zeigt sich in der Verletzungshäufigkeit und den Verletzungsmustern und nimmt oft mit der Dauer des Spiels zu. Mit nachlassender Kondition und damit verbunden auch nachlassender Konzentration nimmt die Zahl der Verletzungen überproportional zu. Die Eisfläche und die umgebende Bande sind für einen großen Teil von Verletzungen häufig mitverantwortlich. Zum einen werden sehr hohe Geschwindigkeiten (modernes Powerskaten) beim Kampf um den Puck erreicht, zum anderen kann es beim Anprall an die Bande zum Teil zu schweren Verletzungen kommen. Etwa 80 Prozent der Verletzungen im Eishockey sind akut, rund 20 Prozent stellen Überlastungsschäden dar.

Die häufigsten Verletzungen gibt es in Gesicht und Schädelbereich, zumeist sind es Schnitt- oder Platzwunden ohne knöcherne Beteiligung, die oft vor Ort (z.B. per Naht) versorgt werden und dem Spieler ein Weiterspielen ermöglichen. Schwere Schädelhirnverletzungen sind äußerst selten und auf Grund der modernen Helme mit Halb- oder Vollvisieren eine Rarität.

Im Bereich der oberen Extremität stehen Schultergelenksverletzungen im Vordergrund und hier insbesondere Verrenkungen der Schulter und Schultereckgelenksverletzungen. Der Sturz auf den angelegten Arm oder der Anprall an die Bande sind die häufigsten Unfallursachen. Knochenbrüche im Bereich des Schultergelenkes und des Schlüsselbeines durch Pucktreffer oder Stockschläge sind durch Schulterprotektoren
deutlich seltener geworden. Prellungsverletzungen der Unterarme und Hände können durch Stockschläge entstehen, Brüche im Finger- und Handbereich sind selten.
Bei Verletzungen der unteren Extremitäten liegen Verletzungen des Kniegelenkes mit Bänderrissen statistisch gesehen an zweiter Stelle. Hier sind es vorwiegend Risse des Innen- und selten des Außenbandes und Kreuzbandverletzungen. Knochenbrüche entstehen auf Grund der deutlich verbesserten Schienenversorgung und Polsterung im Beinbereich selten. Häufiger finden sich direkte Prellungsverletzungen durch Puck oder Stock im Schuhrandbereich bis hin zu Brüchen vor allem im Mittelfußbereich.

Ein spezifisches Problem des Eishockeysports stellen Muskelverletzungen zum einen durch direkte Puck- oder Stocktreffer insbesondere im Wadenbereich dar. Zum anderen finden sich oft durch Ausfallschritte (vor allem der Torhüter) Zerrungen im Adduktorenbereich. Bei Feldspielern zeigen sich vor allem Zerrungen im Bereich der vorderen Oberschenkelmuskulatur vorwiegend zu Beginn des Spiels bei zu kurzer Aufwärmphase.

Wirbelsäulenverletzungen und insbesondere Verletzungen der Halswirbelsäule finden wir durch streng gehandhabtes Regelwerk und deutliche Erhöhung der Fairness der Spieler selten, wenngleich es bei brutalen Banden-Checks sogar schon zu Querschnittslähmungen gekommen ist.

Teamärztliche Betreuung bedeutet in erster Linie nicht nur, Akutverletzungen während und nach dem Spiel zu behandeln, sondern sie stellt sich als eine komplexe Auflistung von verschiedenen Aufgaben dar, die in erster Linie der Prophylaxe und Prävention von Verletzungen gelten. Dabei bildet beim Team der DEL-Mannschaft der “Hamburg Freezers” ein vor und während der Saison stattfindender Gesundheits-Check aller Spieler die Grundlage. Dieser Check umfasst neben einer internistischen und orthopädischen körperlichen Untersuchung eine Blut- und Urinuntersuchung, eine Fahrradergometrie mit Messung der Sauerstoffaufnahme und Laktatmessung, eine Körperfettmessung, Sprung- und Koordinationstests sowie Krafttests (Sit-ups und Bankdrücken). Diese Untersuchungen werden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sport- und Bewegungsmedizin der Universität Hamburg (Ärztliche Leitung: Professor Klaus-Michael Braumann ) durchgeführt.

Anhand der Ergebnisse schließen sich individuelle Empfehlungen zur Verbesserung von eventuellen körperlichen Defiziten an. Zusätzlich bildet eine individuelle Ernährungsberatung eine Abrundung dieses Programms. Der Prävention von Muskelverletzungen kommt eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Es werden von physiotherapeutischer Seite regelmäßig Therapien der besonders betroffenden Muskelgruppen angeboten. Zur Verbesserung der koordinativen Fähigkeiten finden im Rahmen des Trainings auch Übungen auf dem Therapiekreisel statt, wie wir sie von Basketball- und Volleyballteams kennen. Nicht zuletzt ist die Beratung in Dopingfragen eine weitere wichtige Aufgabe.

Durch eine gezielte und engmaschig betriebene sportmedizinische Betreuung der Spieler vor, während und nach der Saison sowie eine enge Kooperation zwischen Teamarzt, Physiotherapeut, Trainer und Management gelingt es, die Verletzungshäufigkeit deutlich zu senken und ein erfolgreiches Eishockeyspiel zu realisieren.

Prof. Dr. med. Bernd M. Kabelka, 13. Januar 2004

46 Jahre, Teamarzt der Hamburg Freezers, Chefarzt der Abteilung für Orthopädie und Sporttraumatologie, Krankenhaus Tabea, Kösterbergstraße 32, 22587 Hamburg; Lehrbeauftragter für Sporttraumatologie an der Universität Hamburg, Fachbereich Sportwissenschaft

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