Die Olympischen Winterspiele Milano Cortina 2026 finden vom 06.-22. Februar 2026 in Mailand, Cortina d’Ampezzo und weiteren alpinen Zentren statt und markieren einen der sportlichen und sportmedizinischen Höhepunkte des Jahres.
Rund 2.900 Athletinnen und Athleten aus mindestens 92 Nationen nehmen teil – erstmals auch aus Benin, Guinea-Bissau und den Vereinigten Arabischen Emiraten. 16 Sportarten mit 116 Wettkämpfen stehen auf dem dichten Programm. Dank neuer Mixed- und Frauen-Events werden die Spiele nahezu 50% Frauenanteil haben.
Die vier Cluster-Standorte erfordern ein hohes Maß an Logistik – von den Eisflächen in Mailand bis zu den alpinen Arenen in Cortina, Bormio, Livigno, Antholz und im Val di Fiemme. Das Spektrum reicht von technisch anspruchsvollen Ausdauerdisziplinen (Langlauf, Biathlon, Skitouren) über dynamische Sprung- und Park-Formate (Freestyle, Snowboard) bis hin zu klassischen High-Speed-Risikosportarten (Abfahrt, Super-G, Bob, Skeleton, Rodeln).

Das Team Deutschland wird aus ca. 190 Athleten plus 280 Betreuern bestehen. In den meisten Sportarten kann auf die bewährten Strukturen mit den eigenen Ärzten und Physiotherapeuten zurückgegriffen werden. Mit dabei sind sportmedizinische Verbandsärzte aus den Bereichen Innere Medizin, Orthopädie und Allgemeinmedizin mit diversen Zusatzbezeichnungen – so ist ein breites Spektrum an möglichen auftretenden medizinischen Fragestellungen im eigenen Team effektiv zu bearbeiten und zielgerichtet zu lösen.
Bühne für muskuloskelettale Medizin
Aus orthopädisch-sportmedizinischer Sicht stehen die folgenden komplexen Belastungsprofile in verschiedenen Sportarten im Vordergrund:
- Hochgeschwindigkeitstraumata an Knie, Becken/Hüfte, Wirbelsäule und Schulter in den Speed-Disziplinen.
- Akute Band- und Sehnenverletzungen sowie Kontusionen im Athletik-Training und in Kontaktsportarten wie Eishockey.
- „Aufbrechende“ Überlastungsprobleme der unteren Extremität, des Achillessehnen- und Patellarsehnenapparats sowie der lumbalen Wirbelsäule in Ausdauer‑ und Technikdisziplinen.
Die hohe Wettkampfdichte, die gemeinsame Unterkunft im Olympischen Dorf mit Athleten aus der ganzen Welt, das gemeinsame Essen in der Mensa und klimatische Schwankungen verstärken die Anforderungen an Belastungssteuerung und Regeneration. Zusätzlich ist die Immunprophylaxe, Hygieneüberwachung und Infektbehandlung tägliche Routine. Auch nach dem Wettkampf ist im Umgang mit Medienvertretern, im Deutschen Haus und mit Fans und Angehörigen die Einhaltung von strikten Hygienemaßnahmen geboten.

Neue Disziplin Skibergsteigen (Skimo) – neue Herausforderungen
Eine besondere Neuerung in Milano Cortina ist die Aufnahme von Ski Mountaineering ins olympische Programm. Dabei wird je ein Sprint und eine Mixed-Staffel ausgetragen. Kurze, intensive Rennen mit mehreren Aufstiegen – Tragepassagen und Abfahrten bei denen die Ski angelegt und abgenommen werden sowie Fellwechsel und Rucksackpacken optimal passen müssen. Das rasante Hochgeschwindigkeitsformat, bei dem jeder Fehler doppelt schmerzt, wird sicher ein Publikumsmagnet in Bormio und den Medien.

Diese Disziplin kombiniert ausgeprägte Höhenbelastung, lange Anstiege, intermittierende Maximalbelastungen und technisch fordernde Abfahrten auf kompaktem, häufig wechselndem Untergrund.
Für die muskuloskelettale Medizin bedeutet das unter anderem:
- Ein erhöhtes Risiko für Überlastungssyndrome an Knie, Sprunggelenk und Fuß (z.B. Stressfrakturen, Tendinopathien).
- Spezifische Anforderungen an die Rumpf‑ und Hüftstabilität sowie an die Koordination, um in der Ermüdung Stürze und Fehlbelastungen zu vermeiden.

Klassische Hochrisikodisziplinen im Fokus
Parallel dazu bleiben die klassischen „High-Risk“-Disziplinen der Winterspiele im Zentrum der Aufmerksamkeit: Ski Alpin (insbesondere Abfahrt und Super-G) sowie Freestyle- und Snowboard-Events mit großen Sprüngen und akrobatischen Elementen.
Der olympische Eiskanal von den letzten Olympischen Winterspielen 1956 in Cortina ist manchem aus dem James-Bond-Film „In tödlicher Mission“ bekannt. Dieser wurde abgerissen und an gleicher Stelle neu errichtet, um den internationalen Anforderungen der 3 ausgetragenen Sportarten Bob, Rodeln und Skeleton gerecht zu werden. Die bisherigen Testfahrten und ausgetragenen Rennen haben keine besonderen Auffälligkeiten bezüglich Verletzungsmustern oder Gefahren ergeben, so dass wir angespannt aber gelassen auf die kommenden Wettkämpfe unserer Athleten schauen. Auch dank guter technischer Vorbereitung mit Hilfe des Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) und den Leistungen der ganzen Saison sind die Medaillenerwartungen hoch.
Das Ärzteteam
Das betreuende Ärzteteam wird seit vielen Jahren vom leitenden Olympiaarzt Prof. Bernd Wolfarth in Cortina, von Dr. Katharina Blume in Mailand internistisch und von Dr. Christian Schneider orthopädisch geleitet. Die meisten teilnehmenden Ärzte sind seit vielen Jahren Verbandsärzte ihrer Sportarten und häufig Mitglied bei den Verbandsärzten Deutschland e.V., der GOTS und oder der DGSP. Für die teilnehmenden Athleten ist die Nominierung zu Olympischen Spielen das Ziel langjährigen Trainings und vieler Wettkämpfe. Für die betreuenden Ärzte ist es ebenfalls ein Ziel langjähriger Ausbildungen und Zusatzqualifikationen. Die Gesellschaften helfen die Anforderungen zu bewältigen: moderne muskuloskelettale Medizin, High-Performance-Rehabilitation und evidenzbasierte Prävention im Spitzensport! Das individuelle (Verletzungs-)Risikomanagement und interdisziplinär abgestimmte Betreuungskonzepte stehen heute im Mittelpunkt.
Ausblick: Von Milano Cortina in den Praxisalltag
Die Aufarbeitung von auftretenden Krankheiten und Verletzungen wird im Anschluss wieder erfolgen und in die Leitlinien und Praxisempfehlungen für den Freizeitsport und Leistungssport münden. Diese Spiele sind nicht nur ein mediales Highlight, sondern ein „Real-Life-Labor“ für moderne Medizin mit unmittelbarer Relevanz für die tägliche Arbeit in Praxis, Klinik und Reha.
DER AUTOR
Dr. Christian Schneider, München ist Facharzt für Orthopädie / Sportmedizin.
Olympiaarzt seit 2006
Vorstandmitglied GOTS
Vorsitzender Verbandsärzte Deutschland eV
Mitglied Medizinische Kommission DOSB