Wer hätte sich diese Dynamik und Entwicklung vorstellen können? Nachdem die alte polynesische Sportart auf Hawaii wiederentdeckt wurde, kam es zu einem regelrechten Siegeszug. Die Verbreitung des Wellenreitens lief über Kalifornien, Australien und Europa (Biarritz) dann letztendlich weltweit bis in alle Küstenregionen. Gesurft wird überall dort, wo Wellen einen Zugang zu den Küsten haben, fast ohne Limitierung auf Breitengrade, vom Äquator bis in die kalten Regionen wie Chile oder Norwegen und Island.

Dass aber eine signifikante Ausbreitung der Sportart auf die Binnenländer kommen würde, hätte man vor 2 Jahrzehnten als Utopie abgetan.
Angefangen hat alles am Eisbach in München, wo der Sport in den 80iger Jahren erstmalig ambitioniert von Einheimischen auf die stehende Welle übertragen wurde. Gute Surfer aus dem Ausland und Surfprofis aus Übersee, die natürlich vom Meer kamen, haben am Anfang herabgeschaut auf die Flusssurfer und das Ganze ein bisschen belächelt – nach dem Motto: ganz interessant, dass man das da auch machen kann, aber echtes Surfen findet im Meer statt. Da hatte so mancher Surfer dann auch gewisse „Komplexe“, wenn er ans Meer kam und der Homespot nur ein Fluss war.
Neue Wellen-Spots auf den Fluss-Karten
Das hat sich allerdings durch die Entwicklung der letzten 10 Jahren entscheidend geändert. Früh haben begeisterte sogenannte Land locked Surfer aus anderen Ländern mit dem Flusssurfen angefangen und in ihrer Heimat stehende Wellen gesucht. Schon bald gab es neue Wellenspots auf den Flugkarten – u.a. in den USA, Frankreich, Norwegen oder auf Hawaii. Sogar auf dem (Krokodil)gefährlichen Sambesi in Afrika fand sich eine Welle (erstmalig mit Tube).
Dazu kam, dass die zweite Generation der Flusssurfer sich nicht mehr nur als „verkappte“ Meersurfer sah, die am Fluss für das Meer trainieren wollten. Sondern für sie war der Eisbach der Dreh- und Angelpunkt und sie tauchten mit vollem Selbstbewusstsein in die Progression des Sports ein. Waren früher Turns (Kurven) das Maß aller Dinge, waren plötzlich Sprünge mit Rotationen und Manöver aus dem Skateboardsport der Hit.

Außerdem wurden Versuche unternommen, die stehende Welle künstlich im Schwimmbecken nachzubauen. Tom Lochtefeld aus Sandiego (CA) war einer der ersten in den Nuller Jahren, der entsprechende Konstruktionen in größerem Umfang auf den Markt bringen konnte. Den großen Durchbruch aber vollzogen die beiden deutschen Ingenieure Susi und Rainer Klimaschewski, die den Eisbach akribisch vermessen haben und dann sozusagen eine Kopie auf den Markt gebracht haben, die City Wave. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten stehen nun diese Wellen weltweit, von Japan über Israel bis Kalifornien und Hawaii zur Verfügung.
Die Fluss-Welle hat sich emanzipiert
Die Flusswelle hat sich also emanzipiert, als eigene Disziplin. Unbestritten gibt es keinen schnelleren Weg, sich ein gutes Brettgefühl anzueignen wie auf der stehenden Welle. Am Meer würde jeder Sportler sehr viele Jahre für den gleichen Fortschritt brauchen.
Die stehende Welle als Turbo auf dem Weg zum guten Wellenreiter
Da ist es auch nicht verwunderlich, dass es heutzutage in vielen Städten in Deutschland, Europa und den USA Flußwellen gibt, die durch private Initiativen und in Zusammenarbeit mit den Kommunen entstanden sind.
Angespornt und ermutigt durch die Erfindungen der Flusswelleningenieure und in Anbetracht des enormen (Markt)Potentials, entstanden in den letzten Jahren eine wachsende Zahl Erfindungen, die echte brechende Wellen in einem künstlichen Becken erzeugen können. Einige Firmen haben sich dabei auf dem Markt etablieren können. Diese Wellen sind in dieser Perfektion im Ozean schwer zu finden und bereits mehrfach findet im Rahmen der Weltcuptour der internationalen Surfprofis ein Stopp (Wettkampf) auf der künstlichen Welle statt.

Weltcup mit künstlicher Welle
Mittlerweile findet die Progression des High Performance Surfens bereits hauptsächlich im Becken auf der künstlichen Welle und nicht mehr im Ozean statt. Es gibt Wettkampfformate die darauf ausgelegt sich, die Surfer mit den verrücktesten, neuesten und undenkbarsten Manövern mit dem Sieg zu belohnen.
Verletzungen beim Wellenreiten
Aus sportmedizinischer Sicht ähneln sich Verletzungen beim Surfen im Meer, Fluss und Surfen im Surfpool.
Generell sind das eigene Brett und der Untergrund die Hauptgefahren:
Beim -unvorhergesehenen- Sturz wird jeder Surfer zwangsweise gewaschen. In der sogenannten „Waschtrommel“ ist auch immer das eigene Brett nicht fern. Bei der Auswertung von Stürzen schrammen Surfer und Brett meist nur wenige Zentimeter aneinander vorbei. Ohne Kontakt passiert noch nichts. Kommt es jedoch zu einem Kontakt so ist das Risiko für eine ernsthafte Verletzung durch die spitze Nose des Boards, sehr harten Kanten und vor allem auch durch scharfe, steife Finnen recht hoch.
Kontusionen, Stich- und Schnittverletzungen sind dabei häufig zu beobachten.
Bezüglich des Untergrundes gilt: je seichter das Wasser, desto gefährlicher. Beim -unfreiwilligen- Absprung vom Board schlägt der Athlet leicht auf Grund. Im Surfpool oder am Meer gilt das Gleiche. Beim Absprung mit dem Kopf voraus wird’s gefährlich.
Risiko für schwere Halswirbelsäulenverletzung
Das Risiko für eine schwere Halswirbelsäulenverletzung ist hoch und kommt insbesondere auch bei Profisurfern, die aggressive Wellen surfen, immer wieder vor. Kopfverletzungen mit Kontusion und Commotio sind möglich. Im besseren Fall verletzt sich der Betreffende an den Extremitäten und springt mit den Beinen voraus.
Orthopädische Verletzungen, die durch Aktionen auf dem Brett, also beim Surfen auftreten, sind im Wesentlichen beim Surfen im Meer, Fluss und Surfen im Surfpool ähnlich.
Air oder Floater: Risiko für Verletzungen vor allem während der Landung
Solange sich der Sportler nur auf Turns beschränkt, sind die Risiken gering. Bei Sprüngen (Air oder Floater) steigen die Risiken mit der Intensität und Dynamik an. Beim Hochleistungssurfen ist das Risiko für Verletzungen vor allem während der Landung gegeben. Da die Bretter beim Wellenreiten extrem leicht aufgebaut und nicht mit den Füssen verbunden sind, ist es neben der Schwierigkeit überhaupt abzuheben und aus dem Wasser zu kommen, eine Kunst das Brett in der Luft zu kontrollieren. Dabei gilt es geschickt die Windrichtung auszunutzen, damit das Brett an den Füssen bleibt.

Zu hoch hinausgesprungen:
Risiko für ernsthafte Knie, Sprunggelenks- und Vorfußverletzungen
Bei ungünstigen Landungen, wenn z.B. das Brett verkippt ist, man im Flat landet oder die Sprunghöhe zu groß geworden ist, steigt das Risiko für ernsthafte Knie, Sprunggelenks und Vorfußverletzungen stark an. Hierbei wird auch das Auftreten der seltenen, jedoch langwierigen Luxationsverletzungen im Lisfranc- Gelenk beobachtet.
Überlastungen beim Wellenreiten
Überlastungsreaktionen beim Wellenreiten betreffen vor allem Schultern, Nacken und die Lendenwirbelsäule. Da beim Wellenreiten ein großer Teil der Zeit auf dem Wasser auf dem Bauch liegend beim Paddeln verbracht wird, werden diese Strukturen stark beansprucht.
Alte Verletzungen in diesen Bereichen oder Funktionsdefizite verschlechtern die Effektivität beim Paddeln und können leicht zu Beschwerden führen. Fehlhaltungen oder Verkürzungen u.a. betreffend die Bereiche Schulterblätter, Brustwirbelsäule oder Hüftgelenke führen oft rasch zu Beschwerden in den Nachbarabschnitten.
Was für den Profi selbstverständlich ist, ist auch für den Freizeitsurfer obligatorisch, die körperliche Vorbereitung und Fitness. Kraft, Kraftausdauer und entsprechende Beweglichkeit sind die Basis.
Im Rahmen des Vortrages „Wellenreiten unter sportmedizinischen Aspekten“ beim aktuellen Jahreskongress der GOTS in Osnabrück, geht der Autor wesentlich ausführlicher auf diese Aspekte ein.

Sportärztliche Betreuung beim Wellenreitwettkampf
Für die sportärztliche Betreuung sind neben Kenntnissen im Bereich der Erstmaßnahmen bei Ertrinkungsunfällen folgende Dinge wichtig:
– die Möglichkeit zur Erst- und Zwischenversorgung von Stich- und Schnittverletzungen durch das Board (Finnen, Nose, Rails)
– Kenntnisse zum Umgang mit einer Schulterluxation
– Kenntnisse zur Erstversorgung, Lagerung und Transport bei v.a. Halswirbelsäulenverletzung
– Kenntnisse zu Beurteilung von sporttraumatologischen Verletzungen.
Neben akuten Verletzungen betreffen die meisten Fragestellungen Schmerzen und Beschwerden durch alte, bekannte Verletzungen oder Überlastungen.
Weitersurfen oder Abbrechen
Meist geht es um die Frage ob weiter gesurft werden darf, oder ein Abbruch sinnvoll ist. Knie- und Sprunggelenke, sowie die Vorfußregion stehen im Vordergrund. Beim Kniegelenk sind routinierte Untersuchungstechniken bezüglich des Bandapparates (Stabilität, Seiten- und Kreuzbänder) und Erguss sinnvoll. Bei mehrtägigen Wettkämpfen kann die Anfrage nach NRSA zur Nacht kommen.

Wettkampf-Betreuung
Wenn man einen Wettkampf betreut, ist es meiner Erfahrung nach sehr wichtig im Vorfeld mit dem Veranstalter folgendes zu klären und zu differenzieren:
Bei einem (im Surfbereich oft privat organisiertem) Sportwettkampf kann medizinische Versorgung für folgenden Personenkreis notwendig werden:
– Notfallversorgung der Zuschauer und des Personals (Staff)
– Notfallversorgung der Wettkämpfer
– Sportmedizinische Betreuung der Wettkämpfer
Als Sportarzt ist man nur für den letzten Punkt verantwortlich, die beiden ersten Punkte müssen vom Veranstalter geklärt und organisiert werden:
– Nächstes Krankenhaus (Kapazität? Veranstaltung ggf. melden)
– Notarztstandort (vor Ort, Wie weit weg? Kapazität?)
– Zugang für den Notarzt zum Veranstaltungsgelände
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DER AUTOR
Dr. med. Markus Knöringer ist Niedergelassener Facharzt in eigener Praxis für Wirbelsäule, Neurochirurgie und Sportmedizin in München und Miesbach, seit 2007 mit operativer Tätigkeit.
Er ist Aktiver Wellenreiter seit 1986, mehrfacher Teilnehmer der Deutschen Meisterschaften am Meer, Vizeeuropameister auf der stehenden Welle 2013, Eisbachsurfer seit 1986, Protagonist beim international erfolgreichen Kinofilm Keep Surfing und hat weltweite Erfahrung im Atlantik, Pazifik und indischem Ozean. Seit 1999 bis heute übernahm er die sportmedizinische Betreuung von nationalen und internationalen Wettkämpfen, u.a. von Swatch Pro Tour, PWA Freestyle Surf World Cup, FIS Snowboard WM, FIS Ski Cross World Cup, Surf and Style München, Europameisterschaften Surf, Deutsche und Europameisterschaften SUP Wildwasser. Und: die Betreuung von nationalen und internationalen Surflegenden: Christian Fletcher, Matt Hoy, Brian Talma, Bruce Iron, Rush Randle, Terie Hakoonsen.
Knöringer ist Mitglied in der aktive group (Vorstand) der SMI Surfing Medicine International, Vizepräsident und Verbandsarzt des Bayerischer Wellenreitverband e.V., Verbandsarzt der Deutschen Nationalmannschaft Wellenreiten, Mitglied des Komitees: „Wirbelsäule in der Sportmedizin“ der GOTS.

Fotos: Knöringer, Pixabay, privat