Nach einer längeren Durststrecke, in der Medaillen auf internationalen Wettkämpfen eher die Ausnahme waren, befindet sich der Deutsche Schwimmsport aktuell wieder im Aufwind. Beim letzten Großereignis, der Weltmeisterschaft 2025 in Singapur belegte Deutschland im Medaillenspiegel Rang 5, immerhin als beste europäische Nation. Fairerweise muss man darauf hinweisen, dass von sechs gewonnenen Goldmedaillen alleine vier auf das Konto von Florian Wellbrock gingen. Diese wurden alle im Freiwasser erzielt. Im Becken gewannen Lukas Märtens die 400 Meter Freistil und Anna Elendt die 100 Meter Brust. Dazu kamen noch 10 weitere Endlaufteilnahmen. Bei den Staffeln schafften es leider nur zwei Mannschaften in die Endläufe. Dies ist sicher ein Indiz, dass wir in Deutschland zwar einige wenige Spitzenathleten haben, aber in der Breite noch nicht wieder zu den Topnationen gehören.
Die Ursachen hierfür sind sicher vielfältig. 5 der 6 Goldmedaillen wurden von Schwimmern aus der Magdeburger Trainingsgruppe gewonnen. Anna Elendt hat schon vor Jahren den Weg in die USA gesucht und sich dort immens weiterentwickelt. Sie muss aber nach Abschluss ihres Studiums in Teilzeit arbeiten, um sich so Training und Wettkämpfe finanzieren zu können. In anderen Sportarten sicher eine kaum vorstellbare Konstellation für eine Weltmeisterin. Neben strukturellen Ursachen kommt hinzu, dass sich Trainingsumfänge, die den Schwimmerinnen und Schwimmern erlauben international konkurrenzfähig zu sein, in Deutschland kaum mit Schule, Ausbildung oder gar einem Studium vereinbaren lassen. Die USA mit der Verknüpfung von Studium und Sport an den Universitäten mit Finanzierung durch Stipendien ist hier unerreicht. Jeder Sportler steht zwangsläufig irgendwann vor der Entscheidung für den Sport oder eine Berufsausbildung. Diese wird maßgeblich von finanziellen Perspektiven geprägt. Für eine olympische Goldmedaille schüttet die Deutsche Sporthilfe aktuell 30.000 € aus, für Silber und Bronze 20.000 bzw. 10.000 €. Dies immerhin, nach einer Gesetzesänderung im Jahr 2025 steuerfrei. Bis dahin musste die Ausschüttung komplett versteuert werden. Erreicht man Platz 8 (wahrscheinlich mit einem vergleichbaren Trainingsaufwand wie für Platz 1) bekommt man 1500 €. Zum Vergleich: Italien zahlt für eine Goldmedaille 150.000 € plus 120.000 € in 3 Raten, Polen 50.000 € plus eine monatliche steuerfreie Rente von 60 % des Durchschnittseinkommens ab dem 40. Lebensjahr.
Vor kurzem hat das Internationale Olympische Komitee erklärt, ab sofort und sogar rückwirkend für die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina jedem Olympiateilnehmer 10.000 € zu bezahlen. Immer noch lächerlich, verglichen mit den 250.000 €, die der deutsche Schwimmer Marius Kusch (ehemaliger Europameister) für seine Performance im Rahmen der s.g. „Enhanced Games“ (nur gedopte Teilnehmer) erhalten hat. Und das für eine Leistung, die mit einem, nicht mehr zugelassenen, Anzug erzielt wurde und die nicht für das Erreichen des WM-Finales ausgereicht hätte.
Immerhin hat diese Diskussion wohl das IOC dazu bewogen, über die Antrittsprämie nachzudenken.
So nun aber weg vom sportpolitischen Gejammer und hin zu viel Erfreulichem im Schwimmen allgemein. Schwimmen gilt wohl als die gesündeste Sportart überhaupt. Schwimmen ist weltweit eine der populärsten Sportarten. Alleine in den USA bezeichnen sich 100 Millionen Menschen als „Schwimmer“. Echte Verletzungen im Schwimmen sind selten. Dies beruht auf der Tatsache, dass es quasi keinen Körperkontakt zu anderen Schwimmern gibt. Ausnahmen sind Verletzungen durch Zusammenstöße der Arme und Hände mit entgegenkommenden Athleten, vor allem bei der Benutzung so genannter Paddles im Training. Hier wird, genauso wie beim Anschlag über Fingerfrakturen oder Schnittwunden berichtet. Die Datenlage („Pubmed“-Suche: swimming-trauma) beschränkt sich hier auf Fallberichte, eigene Erfahrungen bestätigen dies.
Die Anamnese ist hilfreich bzgl. der Trainingsbelastung, jedoch wenig Ziel führend in der Analyse der Pathologie. Den größten Stellwert nimmt die klinische Untersuchung ein. Eine sonografische Diagnostik ist bei der Erstuntersuchung obligat. Radiologisch wird typischerweise nach Zeichen eines outlet-Impingements gefahndet. In vielen Fällen genügt ein Training der Schulterblatt stabilisierenden Muskulatur (M. serratus anterior) sowie der der Außenrotatoren (M. teres minor), um der muskulären Ermüdung entgegenzuwirken, die Dysbalance auszugleichen und die Humeruskopfdepressoren aufzutrainieren. Unabdingbar in diesem Konzept ist auch eine Dehnung der typischerweise verkürzten Strukturen wie z. B. der M. pectoralis major.
Auch die „core-stability“ ist von großer Bedeutung. Sie verhindert z. B. eine zu große Rotation um die Längsachse und ein Wegsacken der Beine, was in einer schlechten Wasserlage mündet und einen vermehrten Kraftaufwand der oberen Extremitäten mit früherer Ermüdung nach sich zieht.
Aus eigener Erfahrung wird diesem einfachen Training allerdings viel zu wenig Bedeutung beigemessen. In der Objektivierung der Dysbalancen ist eine isokinetische Analyse, auch als Trainingskontrolle, sehr hilfreich. Der große Aspekt der Technik lässt sich letztendlich nur in Zusammenarbeit mit den Trainern, meistens im Rahmen einer Videoanalyse, darstellen. Hier tritt der Orthopäde in seiner Funktion in den Hintergrund und dient mehr als Vermittler zwischen Trainer, Athlet und Therapeut. Da eine stabile Technik ohne eine ausreichende Kraftausdauer nicht beibehalten werden kann, gilt das Gleiche für die muskuläre Ermüdung. Sind alle rein konservativen Maßnahmen ausgeschöpft, ist eine weitere Bildgebung, in aller Regel als MRT, ggf. auch als Arthro-MRT erforderlich. Hier müssen sich alle Beteiligten allerdings im Klaren sein, dass dann nach einem strukturellen Schaden gesucht wird, der wahrscheinlich eine operative Maßnahme, sei es auch als diagnostische Arthroskopie nach sich zieht.
Am zweithäufigsten nach Schulterproblemen klagen Schwimmer über Knieprobleme. Obwohl prinzipiell in allen Stilarten Knieschmerzen auftreten können, überwiegen Schmerzen auf der Knieinnenseite beim Brustschwimmen. Das Risiko hier ist fünfmal höher als beim Freistilschwimmer. Diese Studie konnte ebenfalls zeigen, dass das Risiko mit dem Alter, den Trainingsjahren und den in der Brustlage zurückgelegten Trainingskilometern steigt. Zusätzlich kommt noch hinzu, dass Brustschwimmen die technisch anspruchsvollste Schwimmart ist und Fehler insbesondere im Beinschlag zu einem rapiden Geschwindigkeitsverlust führen. Ursache ist, dass hier als einzige Stilart, die Beine unter Wasser entgegen der Schwimmrichtung angezogen werden müssen und so zu einer Widerstandzunahme führen.
Auffallend beim Literaturstudium ist die Tatsache, dass es nach Ende der 1980er Jahre kaum noch Studien zu diesem Thema gibt. Dies fällt zusammen mit der Entwicklung weg von der klassischen Schwunggrätsche hin zu einer engeren Knieführung. Das frühere breite Anziehen der Beine mit Abduktion in der Hüfte wurde zugunsten einer Extension in der Hüfte mit kompensatorischer lumbaler Hyperlordose verlassen. Mit der Umstellung der Technik veränderte sich auch der größere Anteil des Vortriebs vom Armzug hin zum Beinschlag.
Je nach Literaturstelle schwankt die Prozentzahl der Athleten, die an Rückenschmerzen leiden zwischen 20% und 50%. Neuere Studien konnten mit Hilfe der Magnetresonanztomografie zeigen, dass Schwimmer im Vergleich zur Kontrollgruppe und anderen Sportarten bis auf Baseball signifikant mehr degenerierte Bandscheiben aufweisen. Eliteschwimmer haben mehr als doppelt so häufig Degenerationen wie solche die nur drei Mal pro Woche trainieren, typischerweise ist das lumbosacrale Übergangssegment betroffen
Da die Schwimmarten am häufigsten betroffen sind, die mit einer undulierenden Rumpfbewegung, also einer Hyperlordose einhergehen, muss dies als Pathomechanismus angenommen werden. Hierfür spricht auch die hohe Zahl an Spondylolysen bzw. Spondylolisthesen im Vergleich zur Normalbevölkerungen. Durch die rezidivierende Hyperlordose kommt es zu einer vermehrten Belastung der dorsalen Wirbelstrukturen, vor allem der Wirbelbögen, es resultieren dann Ermüdungsfrakturen.
Neben der üblichen Anamnese kann die Hauptschwimmart wesentliche Hinweise geben: Brust- und Schmetterlingsschwimmer sind wesentlich häufiger von strukturellen Schäden betroffen. Die klinische Untersuchung ist häufig wenig wegweisend, es sei denn es bestehen klare Zeichen einer Radikulopathie. Tendenziell wäre bei einer Spondylolyse, -listhese die Reklination eher schmerzhaft. Handelt es sich um eine reine erst seit kurzem bestehende Lumbalgie, erfolgt eine klassische konservative Therapie. Bestehen die Beschwerden mehr als vier bis sechs Wochen, sollte zunächst eine Röntgendiagnostik der Lendenwirbelsäule in zwei Ebenen, ggf. mit Schrägaufnahmen erfolgen, da hier oft schon eine Unterbrechung der Pars interarticularis zu sehen ist. Zeigt sich kein pathologischer Befund, schließt sich die Magnetresonanztomographie an. Die weitere Therapie unterscheidet sich nicht wesentlich von der des „Nichtsportlers“. In aller Regel erfolgt die Therapie der Spondylolyse konservativ mit Sportpause und Physiotherapie. Das Tragen eines Korsetts ist bei jüngeren Sportlern mit einer frischen Lyse (Skelettszintigraphie!) zu diskutieren. Lässt sich keine Beschwerdefreiheit erreichen, muss auch eine operative Option mit Verschraubung und Knochenanlagerung erwogen werden.
Bandscheibenschäden werden klassisch mit der Magnetresonanztomographie diagnostiziert. Die Therapie ist, wie in der Normalbevölkerung, überwiegend konservativ. Handelt es sich um eine reine Lumbalgie, sollte in der MRT nach einer „High Intensity Zone“ in der T2-Wichtung gefahndet werden. Diese ist ein Hinweis für eine frische Ruptur im Anulus fibrosus und wird meistens eine Sportpause nach sich ziehen. Bei einer Radikulopathie mit entsprechendem MRT-Befund sollte eine periradikuläre Injektionstherapie erwogen werden. Intradiscale Therapien, Facettenblockaden und auch operative Maßnahmen unterscheiden sich in der Indikationsstellung kaum von der Normalbevölkerung.
Die konservative Therapie sollte sich hauptsächlich mit der „core stability“ befassen, in aller Regel liegen deutlich Dysbalancen zwischen Bauch- und Rückenmuskulatur vor. In der Diagnostik können Isokinetik-Tests zur Objektivierung beitragen.
Das Hauptaugenmerk sollte auf die Prophylaxe gelegt werden. Veränderungen der Technik sowie Steigerungen der Trainingsumfänge führen zu einer vermehrten Belastung. Dieser kann nur durch eine adäquate Rumpfstabilisierung entgegengewirkt werden. Hier sind zwingend die Trainer mit einzubeziehen.
Bei persistierenden untypischen Schmerzen müssen seltene Ursachen wie Stressfrakturen der ersten Rippe ausgeschlossen werden.
Zusammenfassend lässt sich jedoch sagen, dass Schwimmen für die Allgemeinbevölkerung gesund ist und wohl kaum einen Patienten zum Arzt führen wird.
Dr. Alexander Mayer ist Chefarzt der ATOS Klinik Wiesbaden, Leitender Arzt des ATOS MVZ Olympiateilnehmer im Schwimmen 1988, Facharzt für Orthopädie, Orthopädie und Unfallchirurgie, Sportmedizin, Chirotherapie, zertifizierter Kniechirurg und Kooperationsarzt Olympiastützpunkt Frankfurt.
Er ist Mannschaftsarzt des VC Wiesbaden (1. Volleyballbundesliga), der Rhine River Rhinos (1. Bundesliga Rollstuhlbasketball), der Wiesbaden Phantoms (2. Bundesliga American Football) und des Mainzer Golfclubs.
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