Die deutsche Sportmedizin verliert eine ihrer prägenden Gestalten und sein Verlust macht viele – insbesondere Kollegen und Sportler – betroffen. Der engagierte Allgemein- & Sportmediziner Dr. Bernd Dörr aus Wemmetsweiler verstarb am 23. Juli im Alter von 80 Jahren im Universitätsklinikum Homburg.
Geboren als zweites von insgesamt drei Geschwistern am 28. September 1945, inmitten der Wirren einer entbehrungsreichen Nachkriegszeit, wurde dem jungen Bernd Dörr der Hang zur eisernen Materie sozusagen in die Wiege gelegt. Sein Vater Rudolf war bereits 1947 Vorsitzender der Wemmetsweiler Ringer und Gewichtheber und sollte den Athletenclub „Heros“ weitere 45 Jahre sicher durch die Höhen und Tiefen der Zeit navigieren.
Bernd Dörr erwarb die Trainerlizenz und führte in den Jahren 1969 bis 1973 gemeinsam mit seinem Sportfreund Ottokar Brill die Jugendlichen und Junioren des Vereins zu zahlreichen saarländischen und deutschen Meistertiteln in der Einzel- und Mannschaftswertung. Er selbst betrieb ebenfalls die Sportart Gewichtheben und brachte es dort zu beachtlichen Leistungen.
1971 schloss Bernd Dörr sein Studium der Medizin erfolgreich ab. Die Jahre 1972 bis 1978 waren geprägt durch die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner, durch die Ableistung des Wehrdienstes als Stabsarzt beim Fallschirmjägerbataillon in Lebach und durch die Promotion zum Doktor der Medizin. 1979 eröffnete er in Wemmetsweiler eine eigene Praxis als niedergelassener Arzt für Allgemein- und Sportmedizin.
Bernd Dörrs Affinität zum Leistungssport sowie seine komplementären Kompetenzen in Trainingslehre und Sportmedizin ließen den Deutschen Gewichtheberverband BVDG und später auch den Internationalen Weltverband IWF auf den jungen Saarländer aufmerksam werden. Bereits 1975 wurde er zum betreuenden Mannschaftsarzt im BVDG bestellt, 1980 folgte die Berufung in die medizinische Kommission des Internationalen Gewichtheberverbandes.
1988 in Seoul betreute Bernd Dörr erstmals ein Team des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber bei Olympischen Spielen. Es folgten fünf weitere Teilnahmen am weltweit wichtigsten Sportereignis, wobei auch noch andere Olympiateams zu betreuen waren, so die Ruderer und die Athleten des Badmintonverbandes. Mit den Gewichthebern Rolf Milser, Ronny Weller und Matthias Steiner fielen drei namhafte Olympiasieger in die Ägide des Verbandsarztes aus Wemmetsweiler.
Im sportlichen Alltag arbeitete Bernd Dörr ab 1988 neben seiner Kerntätigkeit in der Wemmetsweiler Praxis als freiberuflicher Mitarbeiter am Olympiastützpunkt Rheinland-Pfalz/Saar und ab 1991 als Verbandsarzt des Saarländischen Tennisbundes. Auch in den Hochburgen des saarländischen Gewichthebens sowie des Ringer- und Badmintonsports war seine fachliche Expertise stets gefragt.
Bernd Dörrs hartnäckiger Kampf gegen die Dopingproblematik im Gewichtheben und anderen Sportarten führte fast zwangsläufig dazu, dass er 2002 in die Arbeitsgruppe Medizin und Analytik der NADA (Nationale Anti-Doping-Agentur) berufen wurde.
Das hohe und oft ehrenamtliche Engagement von Bernd Dörr blieb offiziellen Stellen nicht verborgen. Im Jahre 2007 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.
Bernd Dörr widerstand stets der Versuchung, die Bühne des Spitzensports zur eigenen Profilierung zu benutzen. Im Mittelpunkt standen bei ihm die Sportler, die ungeachtet ihrer Einstufung als Nachwuchstalent oder Superstar grundsätzlich mit der gleichen Sorgfalt behandelt wurden. Zur Förderung sportlicher Spitzenleistungen mit sauberen Mitteln hat er sich immer bekannt, andererseits aber dort eine deutliche Grenze gezogen, wo es um die Unversehrtheit und Gesundheit der Athletinnen und Athleten ging.
Einen tiefen Einschnitt in Bernd Dörrs Leben verursachte ein Autounfall im Jahre 1983, bei dem es zu einer Luxationsfraktur der Halswirbelsäule in Höhe C6/C7 kam. Das schicksalhafte Ereignis hatte eine sogenannte inkomplette Querschnittslähmung mit erheblichen Bewegungseinschränkungen zur Folge. Doch mit seinem unbeugsamen Willen schaffte Bernd Dörr das Unmögliche. Er gelangte mit unglaublicher Energie und eiserner Disziplin zurück auf die Beine und konnte trotz bleibenden Handicaps wieder in der eigenen Praxis und auch weiterhin im Dienste des Spitzensports arbeiten. In der knapp bemessenen Freizeit trainierte Bernd hart und unternahm mithilfe seiner Gehstöcke anspruchsvolle Wanderungen. Als symbolhaft für seinen eisernen Durchhaltewillen steht die Besteigung des 3718 Meter hohen Teide-Gipfels auf Teneriffa im Jahre 2008.
Erst 2014, also ein Jahr vor dem siebzigsten Lebensjahr, trat Bernd in den Ruhestand. Als ärztlicher Betreuer der Gewichtheber-Nationalmannschaft hatte er seinen Abschied bereits im Jahre 2008 eingereicht und das Amt in die Hände seines ältesten Sohnes gelegt. Dominik war zu diesem Zeitpunkt als Arzt schon längst in die Fußstapfen des Vaters getreten, während Alexander, der zweite Sohn, als Molekularbiologe Fuß in der Schweiz gefasst hatte.
Auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand leistete Bernd Dörr regelmäßig wertvolle Dienste an Menschen, die seinen Rat suchten. Er beriet, analysierte, vermittelte und beeinflusste durch das eigene Vorbild. Solange es ging, besuchte er Wettkämpfe und Turniere im Ringen, Gewichtheben, Tennis oder Badminton.
Ab dem Jahre 2016 war Bernd aufgrund zunehmender Beschwerden immer häufiger auf den Rollstuhl angewiesen. Mit viel Energie, professioneller Sachlichkeit und Suche nach möglichen Behandlungsmethoden stellte Bernd sich auch diesen Widrigkeiten entgegen, wobei er in Ehefrau Christine wie immer eine wertvolle Unterstützung hatte. Selbst während dieser schwierigen Zeit suchte er die körperliche Herausforderung und machte in den guten Phasen, die allerdings immer seltener wurden, Ausflüge mit seinem elektrounterstützten Handbike.
Am Ende reichte die Kraft nicht mehr. Bernd entschlief nach längerem Krankenhausaufenthalt friedlich in Anwesenheit der Familie. Diese darf sich des besonderen Mitgefühls zahlreicher dankbarer Patienten, Sportkameraden und Freunde aus nah und fern gewiss sein.
Aufgrund seines Engagements, seines vorbildlichen Charakters und seinen Anti-Dopingaktivitäten war Bernd Dörr für die GOTS und den Verein der Verbandsärzte nicht nur ein Vorbild, sondern auch der ideale Kandidat für die Auszeichnung zum „Sportarzt des Jahres“ im Jahr 2006.
In der Laudatio von Prof. Wilfried Kindermann würdigte er Bernd Dörr für sein „gutes Gespür für abklärungsbedürftige internistische und kardiologische Befunde“ sowie das „unverkennbare orthopädische Faible“. Bei seinen Einsätzen bei den Olympischen Spielen in der Ärztezentrale der deutschen Mannschaft erlebten wir Bernd Dörr als höchst zuverlässigen und unprätentiös auftretenden Kollegen, der sich das Vertrauen der vorwettkampf-gestressten Athleten durch fachliches Können, Geduld und psychologisches Einfühlungsvermögen erwarb.
Lieber Bernd, Du fehlst uns!
PD Dr. Casper Grim
Dr. Christan Schneider
Prof. Dr. Holger Schmitt
Prof. Dr. Martin Engelhardt