Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin

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„Schuss und Ehrenrunde“ – Trainingswissenschaft, Ernährung und Belastungssteuerung im Biathlon

Der olympische Biathlonsport setzt sich aus Skilanglauf und dem Kleinkalibergewehrschießen zusammen und vereint damit zwei anspruchsvolle Disziplinen, die sowohl physiologisch als auch koordinativ höchste Anforderungen an die Athleten stellen. Aus dem militärischen Skipatrouillenlauf hervorgegangen, der bereits 1924 Bestandteil der Olympischen Spiele war, entwickelte sich Biathlon nach der Anerkennung als offizielle Sportart durch das IOC im Jahr 1954 zu einer international etablierten Wintersportart.

c. DSV/Biathlon

Die ersten Biathlon-Weltmeisterschaften wurden 1958 im österreichischen Saalfelden ausgetragen und begründeten die rasche Entwicklung der folgenden Jahrzehnte. Während bis in die 1990er Jahre vor allem Einzelrennen und klassische Staffelwettkämpfe das Wettkampfprogramm dominierten, führten die Einführung von Verfolgungs-, Massenstart- und Mixed-Wettbewerben zu einer erheblichen Ausweitung der Formate sowie zu einer deutlichen Steigerung der medialen Präsenz.

Heute nehmen bis zu dreißig Nationen weltweit an internationalen Wettkämpfen teil, wodurch der Sport eine starke globale Bedeutung erlangt hat. Biathlon gilt inzwischen als typische Mitteldistanz-Ausdauersportart, die aufgrund der Streckenprofile und der Schießpausen durch ständige Intensitätswechsel charakterisiert ist.

Komplexe Wettkampfanforderungen und sehr hoher zeitlicher Umfang im Ausdauerbereich

Das Training eines Spitzenbiathleten ist aufgrund der komplexen Wettkampfanforderungen durch einen sehr hohen zeitlichen Umfang im Ausdauerbereich und durch ein zusätzlich intensives Schießtraining gekennzeichnet. Ein moderner Biathlet absolviert pro Jahr etwa 900 Belastungsstunden zuzüglich der Schießzeiten. Während in den 1990er Jahren das Training noch stark auf klassischen Dauermethoden, großen Kilometerumfängen und einer vergleichsweise starken Betonung der schwellennahen Belastungsintensitäten beruhte, basiert die Trainingssteuerung heute auf modernsten wissenschaftlichen Methoden, die analog in anderen Mittelausdauersportarten angewendet werden.

Diagnostische Verfahren wie Laktatstufentests, ventilatorische Schwellenbestimmungen, Herzfrequenzvariabilitätsanalysen und leistungsphysiologische Monitoring-Systeme ermöglichen eine präzise Steuerung der Belastung und Regeneration.

Trainingswissenschaftliche Entwicklung

Digitale Messsysteme, GPS- und Powermetertechnologien sowie softwaregestützte Trainingsanalysen erlauben eine kontinuierliche Anpassung der Trainingsplanung an die individuelle Leistungsentwicklung. Gleichzeitig hat die technische Ausbildung im Skilanglauf durch den Einsatz von Videoanalysen, Drohnentechnik und dreidimensionalen Bewegungsaufnahmen ein Niveau erreicht, das weit über die Möglichkeiten der früheren Jahre hinausgeht.

Deutlich zeigt sich die sportliche Weiterentwicklung  im Bereich des Schießens: Während Schießzeiten von etwa 35 Sekunden für fünf Schuss zu Beginn des neuen Jahrtausends als gut galten, erreichen heutige Spitzenathleten Zeiten von 16 bis 17 Sekunden, ohne dass die Qualität des Schießergebnisses darunter leidet. Dies beruht auf einer optimierten Kombination aus Technikstandardisierung, neuromuskulärem Training, mentaler Steuerung und einer erheblich verbesserten Integration des Schießens in das Belastungsmanagement.

Parallel zur trainingswissenschaftlichen Entwicklung hat sich auch die Ernährungsberatung im Ausdauerspitzensport grundlegend verändert. Während noch in den 2000er Jahren Empfehlungen vorwiegend allgemeiner Natur waren, basiert die heutige Ernährungsplanung auf einer individualisierten und periodisierten Herangehensweise.

c. DSV/Biathlon

Ernährung, Schleimhautgesundheit und Immunfunktion

Die Energie- und Kohlenhydratverfügbarkeit wird gezielt abhängig von Trainingsbelastung, Intensitätsblock und Wettkampfvorgaben gesteuert, um sowohl die akute Leistungsfähigkeit als auch langfristige Anpassungsprozesse zu optimieren. Blutanalysen, Stoffwechselprofile und Messungen der Körperzusammensetzung fließen systematisch in die Planung ein.

Ergänzend werden Supplementierungsstrategien eingesetzt, die wissenschaftlich fundiert sind und eine bedarfsgerechte Versorgung von insbesondere Makro- aber auch Mikronährstoffen gewährleisten. Substanzen, die potenziell die Schießpräzision beeinflussen könnten, wie Koffein oder nitrathaltige Präparate, werden in enger Abstimmung mit dem Athleten und den Betreuern eingesetzt.

Da Biathleten im Winter regelmäßig extrem kalter und trockener Luft ausgesetzt sind, kommt der Ernährung zur Unterstützung der Schleimhautgesundheit und Immunfunktion eine wachsende Bedeutung zu. Infekte der oberen Atemwege sind im Biathlon nach wie vor die häufigste medizinische Problematik, sodass eine eng abgestimmte Ernährungs- und Regenerationsstrategie als elementarer Baustein der Belastungsverträglichkeit gilt.

Die sportpsychologische Betreuung hat im modernen Biathlon einen Stellenwert erreicht, der vor drei Jahrzehnten noch kaum vorhanden war. Die Fähigkeit, nach einer Hochbelastungsphase innerhalb weniger Sekunden in einen Zustand maximaler Konzentration überzugehen, stellt eine besondere mentale und physiologische Herausforderung dar.

Psychologische Betreuung, Techniktraining und physiologische Belastungssteuerung

Die sportpsychologische Arbeit konzentriert sich heute auf die Erregungsregulation zwischen Lauf- und Schießbelastung, auf Atem- und Fokustechniken sowie auf Strategien zur Wiedererlangung von Handlungsfähigkeit nach Fehlern am Schießstand. Die Athleten werden zudem in Visualisierungsmethoden geschult, um die komplexen Abläufe verschiedener Wettkampfformate mental vorzubereiten. Mentale Resilienz im Umgang mit langen Wettkampfserien, wechselnden äußeren Bedingungen und hoher öffentlicher Erwartung ist inzwischen ein integraler Bestandteil des Trainingsprozesses.

Die enge Verzahnung von psychologischer Betreuung, Techniktraining und physiologischer Belastungssteuerung kennzeichnet die moderne Hochleistungsvorbereitung im Biathlon.

Überlastungen und Verletzungen

Obwohl die Sportart als vergleichsweise verletzungsarm gilt, treten sportspezifische Verletzungen und Überlastungsbeschwerden regelmäßig auf. Stürze im Skilanglauf können zu Prellungen, Schädelhirntraumen oder Frakturen führen, wobei schwere Verletzungen insgesamt selten sind. Verletzungen beim Rad- oder Skirollertraining sind dagegen deutlich häufiger und besitzen ein typisches Muster von Schulter-, Schlüsselbein- oder Armverletzungen.

Überlastungsbeschwerden betreffen vor allem Muskel- und Sehnenstrukturen, häufig bedingt durch Dysbalancen, Materialprobleme oder Fehlbelastungen der unteren Extremität. Typische Beschwerden sind Insertionstendinopathien, Tendinitiden oder Reizungen der Knochenhaut, die insbesondere durch moderne, vergleichsweise harte Schuh- und Bindungssysteme begünstigt werden können.

Komplexe Beschwerdebilder wie funktionelle Kompartmentsyndrome, insbesondere des M. tibialis anterior, erfordern eine differenzierte Diagnostik und eine meist langwierige konservative Therapie, die Bewegungsanalyse, Materialanpassung und physiotherapeutische Maßnahmen einschließt. In einzelnen Fällen muss bei hartnäckigen Beschwerden die Indikation zur Fasziotomie gestellt werden. Auch die wiederkehrende Beugebewegung des Oberkörpers beim Skilanglauf führt häufig zu Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule, die durch die auf dem Rücken getragene Waffe zusätzlich verstärkt werden. Im Bereich der Brustwirbelsäule treten Beschwerden aufgrund seitendifferenzierter Belastungen in der Skatingtechnik auf, wobei präventive muskuläre Ausgleichsarbeit notwendig ist.

Internistische Faktoren

Internistisch stellen vor allem respiratorische Beschwerden einen wesentlichen Anteil der medizinischen Betreuung dar. Die kalte, trockene Winterluft führt bei hoher Ventilationsrate regelmäßig zu Reizungen der Schleimhäute der oberen Atemwege und begünstigt entzündliche Veränderungen im Nasen-, Rachen- und Kehlkopfbereich. Infekte zählen daher zu den häufigsten Gründen ärztlicher Konsultation im Biathlon.

Belastungsinduzierte Atembeschwerden und hyperreagible Bronchialsysteme treten zusätzlich häufig auf und erfordern eine differenzierte therapeutische Herangehensweise unter Berücksichtigung der geltenden Anti-Doping-Regularien.

Die ärztliche Betreuung der Biathleten ist heute interdisziplinär ausgerichtet und umfasst orthopädische, internistische, sportmedizinische und physiotherapeutische Aspekte. Die präventive Schulung der Athleten, insbesondere hinsichtlich Infektvermeidung, Materialumgang und Eigenwahrnehmung von Belastungssymptomen, bildet einen zentralen Bestandteil des medizinischen Betreuungskonzeptes.

 DER AUTOR

c. privat

PD Dr. med. Jan C. Wüstenfeld, ist leitender Disziplinarzt im Deutschen Skiverband für den Bereich Biathlon. Er ist Facharzt für Innere Medizin/Kardiologie und hat die Zusatzbezeichnungen für Sportmedizin, Sportkardiologie, Ernährungsmedizin und Notfallmedizin. Jan Wüstenfeld war aktiver Profibiathlet, Teilnehmer der olympischen Winterspiele in Nagano 1998, Weltcupsieger und Europameister. Er arbeitet am Institut für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig im Fachbereich Sportmedizin und lehrt an der Charité Berlin sowie der Sportwissenschaftlichen Universität Leipzig.