Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin

Suche

Volleyball – hohe Sprungbelastung, anspruchsvolle Landungen, Schulter unter Druck

Volleyball ist in den letzten Jahren immer athletischer geworden. Das Spiel ist schneller, die Spieler springen höher und die Angriffe werden härter. Gleichzeitig ist Volleyball technisch ausgesprochen komplex. Wer international mithalten will, trainiert viel – im Spitzenbereich zwei- bis dreimal täglich. Ein Spitzenspieler kommt dabei auf weit über 300 Maximalsprünge pro Trainingstag und auf mehr als 40.000 pro Jahr.

Das hinterlässt Spuren. Volleyball ist zwar keine klassische Kontaktsportart, aber die Kombination aus hoher Sprungbelastung, engem Raum unter dem Netz und den zahlreichen Bewegungen über Kopf führt zu einem sehr charakteristischen Verletzungsmuster. Die häufigsten Probleme betreffen das Sprunggelenk, das Knie, die Schulter und die Wirbelsäule. Dazu kommen die typischen Fingerverletzungen beim Block. Für den betreuenden Sportarzt ist dabei oft neben der Diagnose und Therapie einer akuten Verletzung eine zusätzliche Frage entscheidend: Wie konnte es dazu kommen – und warum gerade jetzt?

Sprung und Landung – das Sprunggelenk im Fokus

Die häufigste akute Verletzung im Volleyball ist das Supinationstrauma des oberen Sprunggelenkes, fast immer bei der Landung. Gerade an der Mittellinie wird es eng. Beim Dreierblock springen mehrere Spieler gleichzeitig. Landet ein Spieler auf dem Fuß eines anderen, kann es unmittelbar zum Umknicken kommen.

Als besonders problematisch erweisen sich insbesondere die Re-Verletzungen. Wer einmal umgeknickt ist, hat ein deutlich erhöhtes Risiko, erneut umzuknicken. Gerade bei der Rückkehr in Training und Wettkampf darf deshalb nicht nur beurteilt werden, ob das Sprunggelenk wieder schmerzfrei ist. Entscheidend sind Stabilität, Propriozeption und das Vertrauen des Sportlers in das Gelenk. Aus eigener Erfahrung wird genau dieser Punkt häufig zu früh als abgeschlossen betrachtet.

Die Akutbehandlung unterscheidet sich zunächst nicht wesentlich von anderen Gelenkverletzungen. Je nach Befund und Diagnostik (eine MRT-Diagnostik ist im Spitzensport eigentlich unerlässlich) erfolgen Entlastung, zeitweise Ruhigstellung und baldmöglichst frühfunktionelle Behandlung. Für den Volleyballspieler beginnt die eigentliche Arbeit dann danach: Stabilisation, Koordination und sportartspezifische Sprung- und Landebelastung. Bei wiederholten Verletzungen ist eine Orthese durchaus sinnvoll.

Bei komplexen Verletzungen wie Frakturen, komplexen Bandrupturen mit Instabilität, Syndesmosenverletzungen und/oder einer Osteochondrosis dissecans werden auch operative Maßnahmen nötig.

Jumper’s Knee – die typische Überlastung des Knies

Nach dem Sprunggelenk ist das Knie eine weitere häufig betroffene Region. Akute Meniskus- und Kreuzbandverletzungen (bei Frauen wesentlich häufiger als bei Männern) kommen zwar immer wieder vor und bedürfen einer entsprechenden Therapie. Typischer für den Volleyball ist jedoch das Patellaspitzensyndrom, das „Jumper’s Knee“ als chronischer Überlastungsschaden
Die Ursache liegt in der ständigen Wiederholung von Sprung und Landung. Die Patellarsehne muss diese Belastung repetitiv übertragen und reagiert bei anhaltender Überlastung mit den typischen Beschwerden und strukturellen Veränderungen. Auch nicht korrekt ausgeführte und im Volleyball sehr beliebte „tiefe Kniebeugen“ können manchmal als Auslöser für eine Überlastung des vorderen Knieapparates sein.

In der Praxis stehen zur Diagnostik die klinische Untersuchung, eine sonografische und Röntgendiagnostik und im Zweifelsfall auch eine MRT-Bildgebung zur Verfügung. Patellalateralisationen und -dysplasien scheinen das Auftreten zu begünstigen.

Hinzu kommt eine Belastungsanalyse. Wie viele Sprünge? Wie hoch ist der Trainingsumfang? Wie sieht die Regeneration aus? Und vor allem: Wie ist die muskuläre Balance? Häufig sind die Flexoren gegenüber den Extensoren deutlich schwächer. Ein gezieltes Training der Hamstrings und eine Kräftigung des Vastus medialis gehören deshalb in die Therapie. Auch ein strukturiertes exzentrisches Krafttraining ist sinnvoll.

Das Portfolio der lokalen Therapie der Sehne besteht in der Regel in Stoßwellen-, Magnetfeld und Lasertherapie, Akupunktur und PRP-Injektionen. Operiert wird nur dann, wenn die konservative Therapie ausgeschöpft ist und die Beschwerden persistieren.

Die Schulter – hohe Belastung über dem Kopf

Volleyball ist für die Schulter eine anspruchsvolle Sportart. Aufschlag, oberes Zuspiel, Angriff und Block finden über Kopf statt. Die einzelne Bewegung ist dabei in der Regel nicht das Problem. Entscheidend ist ihre ständige Wiederholung bei nicht ausreichender Gelenkstabilität. Die Folge sind typische Überlastungsreaktionen: Beschwerden der Rotatorenmanschette, Impingement-Syndrome, Bursitiden, Veränderungen am AC-Gelenk und gelegentlich Labrumläsionen.

Neben Anamnese ist ist die Kombination aus klinischer Untersuchung und einer sorgfältigen Analyse der muskulären Situation und entsprechender Bildgebung diagnostisch und therapeutisch richtungsweisend.  Funktionell besonders wichtig sind die Außenrotatoren und die schulterblattstabilisierende Muskulatur, das „scapula setting“. Eine gestörte Schulterblattführung, eine ausgeprägte Brustkyphose und muskuläre Dysbalancen sind immer wieder zu beobachten.

Aus eigener Erfahrung wird der Kräftigung der Außenrotatoren und der Schulterblattstabilisatoren häufig zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Ein Theraband allein löst das Problem selbstverständlich nicht. Regelmäßig und technisch sauber durchgeführt, sollte dieses Training jedoch fester Bestandteil des Trainings sein – und nicht erst beginnen, wenn die Schulter bereits schmerzt.

Sind die konservativen Möglichkeiten ausgeschöpft, folgt die weiterführende Bildgebung, in aller Regel das MRT. Mit der Bildgebung wird nach einem strukturellen Schaden gesucht. Findet sich dieser, kann sich bei entsprechenden Beschwerden daraus durchaus eine operative Konsequenz ergeben. Der RTS „Return to Sport“ ist dann unter sechs Monaten in der Regel nicht möglich.

Eine sichtbare Delle als Warnsignal

Eine Besonderheit im Volleyball ist die isolierte Atrophie des M. infraspinatus durch eine Kompression des N. suprascapularis. Besonders anfällig können Spieler mit hoher Überkopfbelastung und einem instabilen Schultergürtel sein. Die Erkrankung ist häufig schmerzfrei. Der Spieler kommt also nicht unbedingt wegen Schmerzen zum Arzt. Auffällig ist vielmehr eine Delle im Bereich des Infraspinatus, verbunden mit einer Schwäche der Außenrotation. Die Diagnose meistens zu spät gestellt.

Bei Verdacht sind neurologische Untersuchung, MRT und EMG wichtig. Ist die Diagnose gesichert, ist eine konservative Therapie nicht erfolgversprechend und es muss frühzeitig operativ dekomprimiert werden. Bei zu später Behandlung bleibt der Muskel vollständig atrophiert.

Dieses Krankheitsbild zeigt, worauf es in der Sportlerbetreuung ankommt: Nicht nur und ausschließlich auf Schmerzen zu achten. Mitunter ist die klinische Inspektion entscheidender als die Schmerzangabe des Athleten. An dieser Stelle ist auch explizit die physiotherapeutische Abteilung gefragt, die die Sportler häufiger sehen.

Rücken – die Summe der Belastungen entscheidet

Die Wirbelsäule wird beim Volleyball gleich mehrfach belastet. Beim Angriff und Aufschlag kommt es zu einer Kombination aus Hyperlordose, Rotation und Seitneigung. Bei jeder Landung wird die Wirbelsäule zusätzlich gestaucht.

Der einzelne Sprung ist dabei selten das Problem. Entscheidend ist die Summe der Belastungen. Hohe Trainingsumfänge, viele Jahre Trainings- und Wettkampfbelastung sowie eine zunehmende Ermüdung der stabilisierenden Muskulatur können zu Beschwerden und strukturellen Veränderungen führen. Die Diagnostik richtet sich nach dem klinischen Befund, Röntgen- und MRT Diagnostik sind bei länger persistierenden und natürlich bei ischialgiformen Beschwerden erforderlich. Gerade bei jungen Athleten sollte auch an eine Spondylolyse gedacht werden, die sich bei Lordose-Sportarten überdurchschnittlich häufig findet.

Bei einer einfachen akuten Lumbalgie steht zunächst die konservative Therapie im Vordergrund. Es sollte zunächst eine weitgehende Schmerzfreiheit erreicht werden, bevor die „core stability“ verbessert werden kann. Immerhin muss ein Volleyballspieler anschließend wieder springen, landen und mit hoher Geschwindigkeit über Kopf schlagen können. Eine stabile Rumpfmuskulatur ist nicht nur Bestandteil der Therapie, sondern vor allem auch der Prävention. Eine Sportpause allein verbessert die Rumpfstabilität nicht.

Fingerverletzungen – häufig beim Block

Fingerverletzungen entstehen überwiegend beim Block. Der Ball kann dabei Geschwindigkeiten von deutlich über 100 km/h erreichen. Entscheidend ist häufig das Timing. Springt der Blockspieler zu früh und befindet sich beim Ballkontakt bereits wieder in der Abwärtsbewegung, fehlt die muskuläre Spannung in den Fingern. Dann trifft der Ball auf einen passiven Finger – mit den bekannten Folgen.

Die Behandlung reicht je nach Verletzung von einfachem Tapen bis zur Abklärung von Frakturen oder Bandverletzungen. Das sogenannte Buddy-Taping ist im Volleyball weit verbreitet. Für viele Spieler ist die Bewegungseinschränkung kein großes Problem. Beim Zuspieler kann eine eingeschränkte Beweglichkeit allerdings durchaus zu einem verminderten Ballgefühl und einer geringeren Präzision führen.

Was in der Sportlerbetreuung im Vordergrund steht

In der täglichen sportmedizinischen Betreuung ist es entscheidend, Fehlstatiken, Dysbalancen und Überlastungen früh zu erkennen, bevor aus diesen ein struktureller Schaden entstehen kann.

  • Beim Sprunggelenk: Re-Verletzungen vermeiden, Stabilität und Propriozeption trainieren.
  • Beim Knie: Sprungbelastung steuern und die muskuläre Balance verbessern.
  • Bei der Schulter: Außenrotatoren und Schulterblattstabilisatoren regelmäßig trainieren.
  • Bei der Wirbelsäule: Rumpfstabilität aufbauen und den Belastungsumfang kontrollieren.
  • Bei der Rückkehr zum Sport: Nicht nur Schmerzfreiheit, sondern sportartspezifische Belastbarkeit verlangen.

Der Orthopäde oder Sportarzt kann diese Aufgaben nicht allein lösen. Gerade bei der Beurteilung von Technik und Belastung ist die Zusammenarbeit mit Trainer, Physiotherapeut und Athlet entscheidend. Videoanalyse, Trainingsprotokolle und eine offene Rückmeldung des Sportlers liefern dabei häufig wichtige Informationen.

Fazit

Volleyball ist eine hochathletische Sportart. Die typischen Verletzungen und Überlastungen ergeben sich unmittelbar aus dem sportartspezifischen Belastungsprofil: hohe Sprungbelastungen, anspruchsvolle Landungen und zahlreiche Bewegungen über Kopf.

Die häufigsten akuten Probleme betreffen das Sprunggelenk und die Finger. Die klassischen Überlastungsregionen sind Knie, Schulter und Wirbelsäule. Für die Behandlung stehen in den meisten Fällen zunächst konservative Maßnahmen im Vordergrund. Entscheidend sind eine gezielte Rehabilitation und anschließend die Rückkehr zur sportartspezifischen Belastung. Operiert wird bei entsprechenden strukturellen Schäden oder wenn konservative Maßnahmen nicht zum Erfolg führen.

Das Wichtigste bleibt jedoch die Prävention. Gute Technik, ein sinnvoll gesteuerter Trainingsumfang, stabile Sprunggelenke, eine belastbare Schulter und ein kräftiger Rumpf sind keine Zusatzprogramme. Sie gehören zum Volleyballtraining dazu.

Der Autor – Antonius Kass

  • Orthopäde und Sportmediziner in eigener Praxis in Düsseldorf
  • 80-facher Volleyball-Nationalspieler
  • seit 33 Jahren betreuender Arzt der Nationalmannschaften im Volleyball, Tischtennis und Para-Tischtennis
  • Teilnahme an 6 Olympischen Spielen als Sportmediziner
  • www.kass.de

Fotos: DVV (Justus Stegemann), Antonius Kass